E520400A. Poems (1850) and Casa Guidi Windows.
Die Grenzboten, Second Quarter, 1852, pp. 382–385.
As reprinted in The Brownings’ Correspondence, 18, 386–387.
[This article begins with a review of RB’s Paracelsus, Christmas-Eve and Easter-Day, and Bells and Pomegranates; see pp. 397–400.]
Vor ungefähr fünf Jahren verheirathete sich Browning mit der Dichterin Elisabeth Barrett, die nicht nur in der lyrischen Poesie eine bedeutende Stelle einnimmt, sondern auch eine seltene Gelehrsamkeit besitzt. Sie hat unter Anderem eine Uebersetzung vom Prometheus des Aeschylus geliefert. Vor ihrer Verheirathung hatte sie eine schwere Krankheit veranlasst, in dem milden Klima Italiens ihre Heilung zu suchen; nach London zurückgekehrt, hatte sie in der Einsamkeit nur ihren Studien gelebt. Nach ihrer Vermählung reiste sie mit ihrem Manne wieder nach Florenz, und ist erst im vorigen Jahre, nachdem ihre Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt ist, nach London zurückehrt. Vielfache, zum Theil erschütternde Schläge des Schicksals haben ihre Seele geläutert.
In ihren lyrischen Gedichten erinnert sie mehr als irgend ein anderer gleichzeitiger Dichter, wenn man etwa Tennyson ausnimmt, an Shelley. Dieselbe zarte, sinnig poetische Natur, derselbe Reichthum an Modulationen der Stimmung, dieselbe Färbung der Traurigkeit; nur ist bei einer Frau diese Stimmung natürlicher. Für die äussere Welt hat sie keinen Sinn; sie lässt ihre Empfindungen in ihrem Innern denken und sprechen, und erst aus ihnen bildet sich die gegenständliche Welt, in der sie sich bewegt. Es liegt in dieser unbedingten Innerlichkeit eine gewisse Unklarheit und Unbestimmtheit, aber auch ein geheimer Zauber, der den Sinn gefangen nimmt. Bezeichnend ist ein kleines Gedicht, mit welchem sie die “Meditationen über das Leben” einleitet. “Es kommt ein Tag, wo unser Gedanke sich erweitert und die Grenzen unsres Wesens berührt. Ueber das hinaus, was unser Auge wahrnimmt, was unser Ohr empfängt, empfinden [p. 383→] wir Gesichte und Töne; wir fühlen einen tiefen Hades, der seine unendlichen Fluthen rings um uns, unter uns und über uns bewegt, und die feste Arche unsres Lebens erschüttert, als ob sie brechen sollte, und mitten in dieser wüsten Brandung hören wir sanfte Geisterstimmen, die uns den Sinn dieses Geheimnisses zu enträthseln scheinen, und wir rufen ihnen zu: Kommt näher, kommt näher! Nehmt den Schatten weg, der sich über unser Leben breitet, lehrt uns den Gesang, den ihr singt! Und mögen sie nun schweigen oder antworten, wir lächeln in unsren Gedanken, denn von dem zu träumen, was uns entzückt, ist eben so entzückend, als es zu kennen. Der Athem der Geheimnisse spielt um unser Antlitz, wir fragen nicht nach ihrem Namen. Die Liebe erlöst uns von unsrer Gefangenschaft, und wir singen in lautem Echo den Gesang der Geister nach, wie wir ihn zu vernehmen glaubten.”
Das ist ungefähr auch der Sinn des grössten unter ihren Gedichten: “Das Drama der Verbannung.” Es ist ein lyrisches Mysterium, in dem der Mensch als ein gefallener Engel erscheint, welcher sich des Himmels erinnert. Im Anfang desselben entfernen sich Adam und Eva aus ihrer Heimath. Sie fliehen durch das glühend rothe Licht, mit welchem der göttliche Zorn die Erde beleuchtet, und aus der Ferne, die hinter ihnen bleibt, vernehmen sie einen geheimnisswollen Gesang; es sind die Geister des verlorenen Paradieses, die Düfte seiner Blumen und der Wiederhall seiner Melodien, die ihnen Lebewohl sagen und ihnen versprechen, dass sie ihnen überall hin folgen wollen. — Die Stimmen werden unterbrochen; die Flüchtigen bemerken vor sich unbestimmte Schatten, die allmählich in der Form des Thierkreises sich vor ihnen ausbreiten; es sind die Symbole der Naturkräfte, die durch den Fall des Menschen ebenfalls ihre Reinheit verloren haben und die ihm nun einen unerbittlichen Krieg erklären. Mit ihren Drohungen mischt sich die Stimme des Versuchers, der sein Opfer verhöhnt. Ein heftiger Wind entführt Eva die einzige Blume, die sie an ihre vergangenen Freuden erinnerte; mit ihr schwindet auch die Hoffnung, und Eva fällt zur Erde nieder; aber der Wind wendet sich wieder und führt ihr die Stimmen der zukünftigen Menschheit zu, die aus ihrem Schooss hervorgehen soll. Sie fühlt im voraus das erste Lächeln der Kindheit, die Begeisterung der Jugend, die Wiederherstellung göttlicher Gedanken durch Kunst und Wissenschaft. Endlich erscheint Christus in der Ferne, überwältigt die aufrührerische Natur, und von ihr begeistert, ruft Adam dem Weibe zu, sich wieder zu erheben: “Du hast die Sünde in die Welt gebracht, aber in dir keimt auch die Saat, durch welche die Sünde sterben soll. Erhebe die Majestät deiner kummervollen Stirn, Vielgeliebte! sei gross, um das Gute zu thun und das Leiden zu ertragen, um das Leiden zu trösten und das Gute zu lehren, um das Gute und das Leiden in die Geduld einer ewigen Hoffnung zusammenzuschmelzen. Wenn du die Welt dem Leiden geöffnet hast, so sollst du auch als tröstender Engel durch die Welt gehen. In deinem Geschick wirst du Schmerzen [p. 384→] ertragen müssen, die deinem Fehltritt entsprechen; mit Schmerzen wirst du jedes Wesen bezahlen, das aus dir geboren wird, mit Mühen und Sorgen jedes wachsende Leben; du wirst Kälte finden, wo du dich hingiebst, Verrath, wo du dich aufopferst, Schwäche in deinem eigenen Herzen, Gewalt von einem stärkern Geschlecht, aber der Kuss des Kindes, das du mit Schmerzen nährst, wird dich froh machen, der Kranke, den du pflegst, dich stärken, jedes Gefühl, welches du ausströmst, dich bereichern. Das ist die Krone, die ich auf dein Haupt setze.”
Das Alles ist sehr sinnig empfunden und zart ausgedrückt, und man fühlt durch, dass es nicht das allgemeine Paradies der Menschheit ist, welches jene Geisterstimmen der Erinnerung zurückrufen, sondern das individuelle Paradies der jugendlichen Ideale, das bei einem gefühlvollen Weibe bestimmter und abgeschlossener ist, als bei dem Mann, dem die beständige Thätigkeit es vergönnt, den Verlust vieler Illusionen leichter zu überwinden.
Es finden sich in diesen Gedichten noch viele Anschauungen, die durch ihre Wärme, ihre Sinnigkeit und ihre sanftklagende Melodie uns ausprechen. Wir führen noch ein kleines an: “die Natur und der Mensch”. “An einem Sommertage betrachtete ein Mensch traurig die Erde und sagte: Ihr Purpurwolken, die ihr ein faltenreiches Gewand im die Berge schlingt, ihr schön geformten Berge, aus denen sich der Weg in die Thäler herabschlängelt, ihr Thäler, von frischen Bächen durchfurcht, ihr Bäche, von schattigen Bäumen umkränzt, ihr Bäume, voll von Vögeln und Blüthen, ihr Baumblüthen, die ihr den duftigen Thau auf eure Schwestern, die Wiesenblumen, schüttelt, ihr Pflanzen, die ihr mit euren Kränzen die Erde schmückt, du fröhliche Erde, die der lustige Ocean umspielt, mit den flatternden Locken um seine Titanenstirn, warum bin ich der Einzige, der finster bleiben kann in diesem Glanz der Sonne? — Aber als die Sommertage vorüber waren, da betrachtete er den Himmel und antwortete sich selbst: O ihr Wolken, die ihr wie ein Schweisstuch auf dem Gipfel der Berge lastet, ihr Berge, die ihr euch sterbend und verfinstert auf die Thäler senkt, ihr Thäler, in denen die Giessbäche seufzen, ihr beschmuzten Giessbäche, die ihr zerbrochene Zweige mit euch führt, ihr blätterlosen Bäume, die ihr das Haupt schüttelt wie im Jammer über eure zertrümmerten Zweige, die mit den zertretenen Wiesenblumen zerstreut auf der Erde liegen, und du Erde, die du aufschreiest vor Schmerz unter dem eisernen Hammer, mit dem der Ocean dich schlägt: — ich bin auch der Einzige, der vor Freude strahlen kann ohne den Glanz der Sonne.”
Diese innigen Empfindungen gestalten sich zuweiten zu ausgeführten Bildern, meistens aber nehmen sie die Form kleiner zerstückelter Balladen mit einem sinnigen und melodischen Refrain an. Je mehr die Dichterin aus der bestimmten, unmittelbaren Empfindung heraustritt, je unklarer und trüber werden ihre Vorstellungen. [p. 385→]
Das neueste ihrer Gedichte, welches sie aus Italien mitgebracht hat, ist: “die Fenster der Casa Guidi,” ein Brillantfeuer von allen möglichen Empfindungen, die sich in bizarrer Mischung durch einander drängen, in dem die edelsten Gefühle sich bis zur Trunkenheit eines wilden Traumes steigern; eine Reihe von bunten Nebelbildern, die ihren Sinn und ihren Zusammenhang verlieren, und die daher als Ganzes betrachtet einen unerfreulichen Eindruck hinterlassen. — Der Anfang ist schön. Ans dem Fenster eines Hauses zu Florenz hört die Dichterin die Stimme eines Kindes, welches auf der Strasse mit so heller Stimme O bella libertà singt, dass sie Vertrauen gewinnt zur Zukunft eines Volks, in dem die Kinder sich bereits so für die Freiheit zu begeistern wissen. Von diesem Anfang breitet sich die Betrachtung nach allen Seiten aus, nach der Geschichte und der Natur des Landes, und verliert sich zuweilen in die nüchterne Prosa, die von einem weiter ausgeführten politischen Gedicht nicht zu trennen ist, bald in eine Exaltation, die über ihrem Eifer ihren Gegenstand vergisst. Aber es finden sich auch einzelne sehr schöne lyrische Stellen, z. B. wie der Platz, auf dem die Asche Savonarola’s in die Lüfte gestreut wurde, mit Veilchen bestreut wird. Auch da, wo die Leidenschaft oder die Phantasie die Dichterin mit sich fortreisst, empfinden wir immer, dass ein wahres Gefühl zu Grunde liegt. Sie ist ehrlich in ihrer Liebe zum Guten und in ihrem Hass des Schlechten, und das ist, wenn nicht die einzige, doch eine wesentliche Grundlage der echten Poesie. — Dass Elisabeth Barrett von allen strebsamen Gemüthern ihres Geschlechts in England als eine Prophetin verehrt wird, ist unter diesen Umständen nicht zu verwundern. Noch neulich hat sie die Verfasserin der Romane Olive und The Ogilvies in ihrem neuesten Werk: the head of the family, in diesem Sinne angesungen.
Reviewed:
Poems (EBB), London: Chapman & Hall, 1850.
Casa Guidi Windows (EBB), London: Chapman & Hall, 1851.
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