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R520400B.  Paracelsus, Christmas-Eve and Easter-Day, and Bells and Pomegranates.

Die Grenzboten, Second Quarter, 1852, pp. 376–382.

As reprinted in The Brownings’ Correspondence, 18, 397–400.

Browning ist der bedeutendste Dichter jener jungenglischen Schule, die mit den Traditionen der ältern Literatur vollständig bricht und sich der metaphysischen Richtung der deutschen Poesie anschliesst. So seltsam diese Schule auf den ersten Anblick gegen diejenigen englischen Dichter absticht, an die wir unsre Kenntniss des britischen Nationalcharakters anzuknüpfen gewöhnt sind, so steht sie doch nicht ausserhalb der Entwickelung der Literatur. Die Elemente derselben sind bereits in den bedeutenden Dichtern zu Anfang dieses Jahrhunderts zu finden. Wordsworth hat die Poesie an philosophische Contemplation gewöhnt, Byron dem individuellen Instinct im Gegensatz gegen die Regel und das Gesetz einen kühnen poetischen Ausdruck gegeben; und Shelley dem träumerischen Spiel mit metaphysischen Abstractionen und gestaltlosen Bildern Eingang verschafft. Dann hat Thomas Carlyle die deutsche Poesie in England eingebürgert, nicht nur durch seine Uebersetzungen, sondern vorzugsweise durch seinen eigenen Styl, der mehr an Jean Paul erinnern, als an irgend ein englisches Vorbild. Er hat den Cultus des Genius, der sich in den früheren Dichtern nur als Instinct aussprach, zu einer Doctrin abgerundet. Dann sind von Deutschland her Hoffmann und Heine, von Frankreich vorzugsweise Balzac eingeführt, und jene Poesie des Contrastes, die Glauben und Zweifel, Enthusiasmus und Ironie, Uebermuth und Blasirtheit so in einander verwebt, dass das Eine das Andere aufhebt, hat sich auch des englischen Denkens und Empfindens bemächtigt.

Der Grundgedanke, den wir in sämmtlichen Gedichten Browning’s wiederfinden, ist der bekannte Faustische, dass das höher strebende Gemüth sich an endlichen Dingen nicht befriedigen kann und mit leidenschaftlicher Sehnsucht dem Absoluten nachstrebt, welches sich doch seiner Natur nach dem Verständniss wie dem Gefühl entzieht. Der Dichter hat eine umfassende Bildung, einen grossen Reichthum empfangener Reflexionen und anticipirter Empfindungen. Diese verallgemeinern sich in seiner Seele zu Abstractionen, in denen von der ursprünglichen Vorstellung eigentlich weiter Nichts übrig bleibt, als die Stimmung, die um [p. 377→] so unruhiger und leidenschaftlicher auftritt, je weniger sie sich ihrer Gegenstände erinnert. Wie Faust, der in einer zweiten künstlichen Jugend mit einer Mischung von Andacht und Befremden dem Schauspiel seiner eigenen Gedanken lauscht, vertieft sich unser Dichter bald mit Empörung, bald mit Resignation, bald mit Verachtung, bald mit Ehrfurcht in die Entwickelung seines eigenen psychischen Lebens, das ihm halb fremd geworden ist. Er geht in der Galerie seiner eigenen Abstractionen wie in einer Schattenwelt herum, bei der er sich dunkel an ehemalige Bilder erinnert; er empfindet das tiefe Bedürfniss des Enthusiasmus und der Leidenschaft, zugleich aber befängt ihn das drückende Bewusstsein von der Nutzlosigkeit alles menschlichen Thuns innerhalb des eisernen Netzes der Nothwendigkeit und von der Nichtigkeit aller Ideen, die um so mehr ihr Ziel verfehlen, je leidenschaftlicher sie die Seele ergreifen, da eben diese Leidenschaft ein sicheres Zeichen ist, dass sie nur aus dem Gemüth entspringen. Diesem Wechsel seiner Stimmungen entspricht die Ungleichheit des Ausdrucks. Die kühne metaphysische Speculation sucht alle Grenzen der Wirklichkeit zu überschreiten, und bewegt sich in dem Aether reiner Gedanken. Die Bilder dienen nicht dazu, diese Gedanken zu verdeutlichen, sondern sie gehen nebenher, wie eine dunkle Erinnerung. Dann wird es ihm aber unheimlich in dieser kalten Region, und er stürzt sich plötzlich in die ideenloseste Empirie hinein. Wenn er zuerst das ganze Universum aus der Vogelperspective auschaute, so wendet er jetzt das Mikroskop an; er sucht seinen Abstractionen eine phantastische Realität zu geben, indem er aus dem Bereich seiner endlichen Erfahrung Analogien dafür auffindet, bis diese Genremalerei seinen Geist-vollständig absorbirt. Das Gemälde, das nach den Regeln der idealen Schule angelegt war, wird zuletzt in niederländischer Manier ausgeführt.

Solche Dichtungen sind schwer zu analysiren, weil sie aus den widerstrebendsten Elementen zusammengesetzt sind, und ihre Composition aller Regel spottet. Wenn man glaubt, es mit einer allgemeinen symbolischen Gestalt zu thun zu haben, und daher eine allgemein menschliche Entwickelung erwartet, so verwandelt sich dieses Ideal plötzlich in eine recht eigensinnige, abnorme Individualität, und legt man dann den Massstab individuellen Lebens an sie an, so verflüchtigt sie sich wieder in Anspielungen und Beziehungen. Aus der Anekdote werden wir in die Symbolik getrieben, aus der Symbolik in die Anekdote. Ein wahres Kunstwerk kann daraus nicht hervorgehen, aber bei einem geistvollen Denker werden uns dadurch reiche Perspectiven in die Mysterien des Denkens und Empfindens eröffnet. Es ist im Grunde mit dem Faust nicht anders.

Das erste Gedicht, mit welchem Browning auftrat, war Sordello, ein Phantastegemälde von dem Kampf des Genius mit seinem grenzenlosen Verlangen gegen das Gesetz der Nothwendigkeit und gegen die Gleichgiltigkeit der Masse. [p. 378→] Die Sprache des Gedichts war unklar, leidenschaftlich, abgerissen und nicht selten schwülstig; sie “schmeckte nach dem Schwefel.”

Im Gegentheil herrscht in dem zweiten Gedicht, welches denselben Gegenstand behandelt, Paracelsus (1835), eine gewisse Monotonie der Abstraction, die der Dichter, in der neuen Ausgabe durch Einschiebung von Bildern und Naturauschauungen aufzuheben sucht. Das Gedicht führt den Gegensatz aus zwischen dem Recht und dem Unrecht einer genialen, dem Gesetz widerstrebenden Individualität. Nur in dem grossen Individuum entwickelt sich die wahre Gestalt der Menschheit, aber sein Kampf gegen die Masse ist zugleich eine Schuld, denn er verschwendet seine Kraft an ein für die Menschheit nutzloses Spiel. Die wirkliche Geschichte des Paracelsus, die sonderbare Mischung von Genialität und Charlatanerie, hat nur den Anstoss zu der Erfindung gegeben. Die weitere Ausführung bewegt sich rein im Gebiet der Ideale. Paracelsus ist der Genius, der von der Zeit nicht verstanden wird, weil er über ihr steht, der aber sich selber fortbildet, indem er die Einseitigkeit seines Princips erkennt und widerlegt. Darum zerfällt das Gedicht in zwei Theile. Der erste behandelt das egoistische Streben nach abstractem Wissen, der zweite die menschenfreundliche Wirksamkeit. — Paracelsus hat zuerst die Wissenschaft der Zeit studirt; er findet überall Wortglauben und Autorität, nirgend freies Denken und klare Erkenntniss. Der protestantische Geist des 16. Jahrhunderts regt sich in ihm in einer grenzenlosen Verachtung der Tradition, des Systems, der Regel, kurz des ganzen katholischen Idealismus, wie ihn das Mittelalter ausgebildet hatte. Zuerst widerlegt er durch den Skepticismus seiner Erfahrungen und seines selbstständigen Denkens das gedankenlose Lehrgebäude der Autorität, und erfreut sich an der neu gewonnenen Freiheit. Aber diese Ironie wendet sich gegen sein eigenes Gemüth, und er beschliesst nun in der Ferne nach der Wahrheit zu suchen, ohne Hoffnung und ohne Liebe. Er nimmt in der ersten Scene von dem Freunde, bei dem er sich bisher aufgehalten, dem ehrlichen Pastor Festus und seiner Gemahlin Micheline Abschied, die ihn vergebens von seiner abenteuerlichen Fahrt zurückzuhalten suchen. Er durchstöbert mit grosser Leidenschaft die orientalischen Mysterien, wird überall getäuscht, und verfällt in grenzenlose Verzweiflung, bis er endlich in Constantinopel den italienischen Dichter Aprile findet, der in seinen Armen stirbt, nachdem er ihn vorher über das Irrige seines bisherigen Strebens aufgeklärt hat. Der Mensch, der mit sich in Frieden leben wolle, dürfe nicht seinem herrschenden Instinct, dem Drang nach unermesslichem Wissen nachgehn; seine Aufgabe sei, nicht Fähigkeiten zu erwerben, sondern Resultate hervorzubringen zum Wohl der Menschheit. Dieser Aprile ist eine mystische Person, deren Bedeutung nicht ganz klar wird. Zuweilen sieht es so aus, als sollte er den Geist des Alterthums repräsentiren, zuweilen erweitert er sich aber auch zu jener Seite der menschlichen Natur, die im Anfang von der herrschenden Leidenschaft unterdrückt wird, aber früher oder später durch Lei- [p. 379→] den ihre Rechte geltend macht: das Bedürfniss, zu lieben und zu leben. — Im Anfang des zweiten Theils finden wir Paracelsus in Basel als Lehrer und Arzt. Er hat seine grossen medicinischen Entdeckungen auf Umwegen gemacht, er suchte das absolute Wissen, und fand die endliche Wissenschaft. So werden nach der zu weit ausgedehnten Theorie unsres Dichters, die er auch in mehreren seiner kleinen Gedichte ausgeführt hat, überhaupt alle Fortschritte gemacht. Paracelsus findet zuerst eine leidenschaftliche Anerkennung, dann regt sich der Neid der eingebildeten Gelehrsamkeit gegen ihn; er wird vertrieben. Er verzweifelt jetzt an der Gerechtigkeit der Weltordnung, und sieht in Allem, was geschieht, auch in der Bildung seines eigenen Wissens, ein leeres Spiel des Zufalls oder eines bösen Wesens. Da er so gern die Menschen lieben wollte, sieht er sich jetzt zu einem Gefühl der Verachtung getrieben, das nahe an Hass grenzt. Zwar fährt er fort, nach der Anweisung Aprile’s das Gute zu lehren und zu thun, aber ohne Hoffnung. Ich werde froh sein, sagt er, wenn die Posse ausgespielt ist und der Vorhang fällt; bis dahin muss man schon seine gute Haltung bewahren. Noch hat er sich nicht zu dem höhern Grundsatz der Humanität aufgeschwungen, dass man trotz seines bessern Wissens, wenn man die Menschen wirklich lieben und ihnen Gutes thun will, auch vor ihren Vorurtheilen eine gewisse Achtung haben muss, da sich in diesen doch immer die Träume vom Guten und Wahren aussprechen. Der Widerstand der Masse ist nach der richtigen Ansicht des Dichters die Form, in welche die ewige Nothwendigkeit die individuelle Entwickelung drängt, damit sie nicht ihr einseitiges Gepräge der Menschheit aufdrücke. Zu dieser Ansicht gelangt endlich Paracelsus bei seinem Tode, der im Hospital zu Salzburg erfolgt. “Ich habe gelebt”; sagt er in seinem letzten Monolog, “schon das blosse Leben genügt, um dem Herrn einen Lobgesang auzustimmen. Wir mögen das Gute oder das Böse wollen, auch aus dem falschen Streben geht durch eine göttliche Ironie immer das Gute hervor. Glücklich war meine Zeit, denn ich habe sie der Menschheit gewidmet. Ich habe gedacht und habe empfunden, nicht wie man irgend einen andern Gegenstand denkt und empfindet, es war eine unermessliche, gestaltlose Empfängniss des Wahren, die sich in allen Schwankungen und Umgestaltungen meines Geistes kund gab, ja in allen Poren dieses Leibes, der sich nun auflöst.” Dann folgen pantheistische Visionen über die Allgegenwart Gottes und über die Zukunft der Menschheit. “Die Menschen fangen an, über die Grenze ihrer Natur hinauszugehn, neue Hoffnungen zu fassen und neue Schmerzen zu empfinden. Sie werden zu gross für die engen Formeln von Recht und Unrecht ..... Ich habe gefehlt und meine Pläne sind gescheitert, weil ich die Fähigkeit und Kraft der Menschheit so scharf ins Auge fasste, dass ich darüber blind wurde gegen ihre Schwächen; ich glaubte, wir könnten uns selbst genügen, verachtete und ignorirte die Vergangenheit, und wähnte, in einem einzigen Moment die Wiedergeburt der Menschheit ins Werk setzen zu können. [p. 380→] Das war ein Irrthum; der Prophet, der nach mir kommt, wird es besser machen.” —

Nächst dem “Paracelsus” haben den meisten Anklang gefunden die beiden grossen Gedichte “Weihnachtsabend” und “Ostertag” (1849). Der “Weihnachtsabend” ist in Knittelversen geschrieben, in einer Sprache, die das Burleske mit dem Pathetischen und Sentimentalen zu verbinden strebt. Er behandelt das Suchen des Göttlichen, wie es sich in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft kund giebt. Der Dichter drängt sich zuerst im heftigen Regen mit einem Hausen ungeberdigen Volks in eine kleine Kirche, wo ein sectirerischer Prediger seinen Gläubigen die wahre Lehre Jesu vorträgt. Zuerst ist die Umgebung ihm unbequem, darunter namentlich ein settes Frauenzimmer, das ganz ausser Athem einen triefenden Regenschirm, ein “Wrack ans Fischbein”, neben ihn stellt und ihn beschmuzt; dann die übelriechende Atmosphäre, vor Allem aber die unermessliche Dummheit des Predigers, der mit mehr Hitze als Verstand seine Doctrinen hervorbrüllt. Er hält es nicht lange aus. Aus dem blauen Laternenlicht der Kirche flieht er in die frische Nachtluft, wartet zuerst fünf Minuten in dem Thorweg, um dem Regen zu entgehen, und tritt dann ins Freie, wo er einen schönen Mondregenbogen sieht. Auf diesem schwebend erblickt er den Menschensohn, der sein Antlitz von ihm wendet. Er glaubt ihn beleidigt zu haben, da doch jene Sectirer, wenn auch mit geringem Verstand und unklarem Gefühl, ihn gesucht haben, und es also nicht verdienen, blos verspottet zu werden. Er wendet sich also flehend zu ihn, ergreift sein weites Gewand, und wird von demselben, wie Faust auf seinem Zaubermantel, weiter getragen. Aus dem humoristischen Cynismus der Posse sind wir also plötzlich in eine ganz ätherische Poesie versetzt. Die Bildersprache wird so mystisch, dass dem Leser in buchstäblichem Sinne Hören und Gehen vergeht; der Unterschied der Sinne schwindet, Farben, Töne, Gestalten, Licht, Nacht, Ewigkeit, Zeit u. s. w. verschwimmen in einem unendlichen Chaos, aus dem keine Brücke zum Verständiss führt. Die Apokalypse erscheint im Vergleich zu diesen Offenbarungen wie ein solides und nüchternes Buch. Der Menschensohn lässt sich endlich in Nom nieder; dort umfängt ein glänzender Gottesdienst die Sinne und die Phantasie, und das Gemüth des protestantischen Dichters wird beleidigt; aber als er sieht, dass auch hier der Herr eintritt, ermahnt er sich selber zur Toleranz. Das Gebilde der Gottheit sei so kolossal, dass man sich mit den einzelnen Gliedern begnügen müsse, wenn sie nur mit Sorgfalt ausgeführt seien. Aber als er sich in diesem trägen, toleranten Wohlwollen für alle möglichen Formen des Glaubens wiegt, fühlt er, dass das Gewand des Herrn seiner erschrockenen Hand entschlüpft. Er geht also in sich, und der Mantel führt ihn wieder weiter, bis er an einen gothischen Thurm kommt. “Es mochte irgend eine von den berühmten mittelalterlichen Städten Deutschlands sein, welche, das kann ich nicht sagen; ich weiss nicht, ob ich mich für diese Treppe, auf der ich [p. 381→] sitze, bei Halle, Weimar, Cassel, Frankfurt oder Göttingen bedanken soll, wahrscheinlich Göttingen.” — Eine Schaar lernbegieriger Studenten drängt sich an ihm vorüber; er folgt ihnen. “Mit bedächtigem Schritt, weil ihm sein Schädel zu schwer wird, steigt ein Professor mit einer Habichtsnase und knöchernen Wangen auf das Katheder; zu drei Theilen erhaben, zu einem grotesk. Ein Strom der Liebe drang in mein Herz, als dieser blasse, jungfräuliche Märtyrer einer milden Begeisterung mit einem bedenklichen Husten präludirte, worauf ich sympathetisch antwortete, und darauf mit einem ätherisch reinen, beinahe himmlisch blauen Auge sein Auditorium übersah. Er ordnete seine Hefte, bis die Studenten sich geräuspert hatten, und jeder bärtige Mund in aufmerksamer Spannung geordnet war, so still, dass man das Fallen eines Apfels eine halbe Meile weit hätte hören können. Er schob seine Brille zurecht, aus der die Augen wie Lampen aus einer Zelle funkelten, schüttelte sein Haupthaar wie unser Jungengland, wenn es nach glücklich vollendeter Verdauung eine brillante Ansicht über die Kleiderfrage von sich geben will, und begann mit einer ernsten, wohlthuenden, obgleich heisern Stimme seine Weihnachtsrede.” — In derselben trockenen Metaphysik, in der früher über die Heiligkeit der katholischen Kirche scholastisch disputirt war, wird jetzt der deutsche Pantheismus auseinandergesetzt. Auch dieser kann den Dichter nicht befriedigen; er verharrt in beständigem Wechsel zwischen kaltblütigem Skepticismus und heftiger Sentimentalität, bis er endlich als letztes Ziel seines Nachdenkens ausstellt, es solle ein Jeder den Weg zum Herrn gewissenhaft suchen, und was seine individuelle Erfahrung ihm überliefert, den Menschen mittheilen; die Vorsehung werde dann das Uebrige thun: ein Resultat, welches von seiner ursprünglichen Empfindung nicht wesentlich abweicht und nur eine sehr zweifelhafte Befriedigung gewähren kann.

Im “Ostertag” vertieft sich der Dichter unter die Erdoberfläche und belauscht die geheime Werkstätte der unterirdischen Geister, von denen das Gewebe der Natur geleitet wird. Was er aber dort schaut, ist so metaphysisch, so wenig greifbar, dass wir dadurch doch keine genaue Vorstellung von den Mysterien dieser Welt erlangen; wir bleiben auf der Grenze der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, wie die Geister der Abgeschiedenen, die am Ufer des Styx herumirren müssen. — Von den übrigen Gedichten sind noch auszuzeichnen: “The soul’s tragedy” und “Pippa passes;” in dem letztern wird der in den grösseren Gedichten schon mehrfach berührte Gedanke weiter ausgeführt, dass man die Kunst am besten fördere, wenn man ohne bestimmte Vorbildung in her einzelnen Kunst die Ideale und Probleme der Kunst überhaupt verfolge, dass dieser scheinbare Umweg eigentlich die gerade Linie sei: eine Ansicht, die doch sehr bedenklich sein möchte. — Neben diesen metaphysischen Gedichten haben wir aber noch eine ganze Reihe anderer von Browning, die in dem altenglischen Balladenstyl gehalten sind, und ein bedeutendes lyrisches Talent verrathen. [p. 382→]

Ausserdem hat Browning noch mehrere Dramen geschrieben, die er unter dem affectirten Titel: “Bells and pomegranates” neuerdings gesammelt hat. Das bedeutendste darunter ist “Strafford”, daneben sind zu nennen: “Colombe’s Birthday,” “Luria,” “The Return of the Druses” und “A Blot on [sic] the Scutcheon.” In diesen Dramen ist der Dichter ganz aus seiner Natur herausgegangen. Sie sind für das Theater geschrieben und verrathen Nichts von der überspannten Phantaste seiner Lyrik. Die Situationen sind sehr geschickt combinirt, ungefähr wie in den Intriguenstücken Calderon’s; aber seine Charaktere sind auf der einen Seite zu exceptionell, auf der andern zu abstract gehalten, sie sind Resultate der Analyse, nicht unmittelbar empfunden. Ihre Charakteranlage stimmt nicht zu den Begebenheiten, denn die eine geht aus dem Nachdenken des Dichters hervor, die anderen sind auf das Bedürfniss des Publicums berechnet. Ausserdem treibt der Skepticismus den Dichter zu einer wahrhaft verzweifelten Unparteilichkeit. Wir empfinden niemals, auf welcher Seite in den sittlichen Conflicten eigentlich das Recht ist, und das ist doch nothwendig, wenn eine wahrhaft dramatische Wirkung erfolgen soll. — Vor einigen Monaten hat er eine biographisch=kritische Einleitung zu den nachgelassenen Briefen seines Vorbildes Shelley geschrieben, die ziemlich überschwänglich gehalten ist.

[This article continues with a review of EBB’s Poems (1850) and Casa Guidi Windows; see pp. 386–387.]

Reviewed:

Paracelsus (RB), London: Effingham Wilson, 1835.

Christmas-Eve & Easter-Day (RB), London: Chapman & Hall, 1850.

Bells & Pomegranates (RB), Collected ed., London: Edward Moxon, 1846.

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